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Vom Untergrund zur Oberfläche

Ich steige aus der U-Bahn und stehe auf einem sterilen und hell gekachelten Bahnhof. Ein Werbeplakat behindert meinen Blick - "Schell am Drücker, langsam im Kopf" - eine Kampagne der Stadtreinigung zeigt einen mit grellbunten Life-Style-Klamotten angezogenen Jugendlichen, der eine Zipfelmütze trägt. Ungelenk hält er eine Sprühdose in die Richtung einer zugeschmierten Backsteinwand, während im Hintergrund des Bildes eine saubere U-Bahn in der Sonne leuchtet. Fast als Bestätigung meiner ungewollten Aufmerksamkeit für verwirrte Jugendliche, die schneller mit Farbe schießen als man denken kann, begegne ich am Ausgang des Bahnhofs eine Reinigungskraft. Mit der Genauigkeit eines Metronoms quietscht der Lappen der Putzfrau über eine graue Fuge zwischen den Kacheln. Der stechende Geruch der Anti-Graffiti-Lösung treibt mich aus dem Untergrund. Der Himmel ist grau. Meine Füße schieben sich durch rotes Herbstlaub, in dem sich Sägespäne krümmen. Ein mechanisches Kreischen und Schlagen zerreißt die saubere Luft. Junge Männer mit Motorsägen fällen Bäume, andere Männer zertrümmern mit Presslufthämmern Mauerteile. Ich schaue auf. Ein gewaltiges Schild versperrt mir den Blick: "Hier entsteht für sie ein Boxtempel."
Boxen? Ich muß an den Nachmittag im Mauerpark denken. Aerosolgeruch, Menschenansammlung. Schon das Anschwellen der Masse, reizte mich, ihr zu entfliehen. Ich schaue auf die hundert Meter lange Wand, die wir am Morgen gemeinsam mit Sprühfarben bemalt hatten. Doch unvermittelt bauten sich zwei Typen grob und mit starren Gesten vor uns auf: Sie fixieren meinen Freund mit schussfestem Augenspiel und drängen bei der kleinsten Bewegung, der allerkleinsten Bewegung ihre gestreckten Handflächen oder ihr Kinn nach vorn. Bevor wir ahnen, was das soll, folgt dieser Drohgebärde eine schlichte Frage mit fordernder Stimme, welche jedes Wort durch ein autistisches Kopfzucken unterstreicht: "Was...war...an...dieser...Stelle?" Er deutet auf das Bild, welches ich und mein Partner gesprüht haben. Uns dämmert der Sinn dieses Verhörs, auf welches wir uns nicht einlassen wollen. Bevor nur einer antworten kann, trifft ein harter und präziser Schlag die Nase meines Freundes. Er blutet. Die beiden Typen springen wild gestikulierend um uns herum, deuten weitere Schläge an, einer brüllt: "Niemand wagt es UMC zu crossen! U-M-C-Boys, Alter, verstanden? Wer das wagt, den stech' ich ab, Hurensohn!" Auch wenn diese Übergriffe schlagartig zunehmen, jedes Mal wieder erschrecke ich vor meiner Ratlosigkeit. Reflexartig dränge ich meinen Körper zwischen meinen jaulenden Freund und die Angreifer. Mir schlägt es entgegen: "Wer bist du? Hä, wer bist du denn?" Meine Antwort: "Stefan." - "Nein, welcher Name?" - "Stefan." - Er, aggressiver: "Willst du mich verarschen?" Mein richtiger Name scheint ihn nicht zu interessieren, er kann sich nur an Sprühersynonymen orientieren. Ich finde meine Worte wieder: "Ihr müsst doch endlich mal kapieren..." Seine Hand packt meine Kehle. Von allen Seiten drängen Leute, aus Neugier oder weil sie vielleicht schlichten wollen. Hinter mir höre ich jemanden verwundert sagen: "...gerade noch nett mit ihm geredet und plötzlich haut der ..." Der Blick meines Angreifers ist wieder gefroren, er tätschelt meine Hüfte und raunt: "Das nächste Mal mit Messer, weißte ja."
Traurig schaue ich über die Baustelle. Über mir schwingt eine Abrissbirne einer Wand entgegen. Meine Augen folgen ihr. Sie schlägt in eine Seitenwand ein, doch nicht das Loch, sondern ein farbiges Gebilde erregt meine Aufmerksamkeit: "AMOK" - Was mir ins Auge springt, ist ein Bild der Graffitilegende Amok. Der Abriß des Hauses holt das Wandbild feierlich ans Licht. Mir kommt es bekannt vor. Den Stil und die Signatur schätze ich auf die Zeit vor dem Mauerfall. Ich betrachte den entdeckten Schatz, der Jahre in einem Hinterhof verborgen war. Die Farben scheinen durch die Zeit an Reinheit gewonnen zu haben, in den gelbolivenen Blasen des Hintergrunds wächst Moos. Ich erinnere mich, das gleiche Bild als einseitiges Fotos vor einigen Jahren in meinem ersten Graffiti-Magazin bestaunt zu haben: Der nuancierte Farbauftrag, die Überblendungen und die Designs stachelten mich an. Die wohlgeformten, wild geknickten Lettern und die gezackten Pfeile, die wie Blitze aus den Buchstaben schossen, trafen meine Phantasie. Das Foto packte mich. Genau wie der Bericht, der darunter zu lesen war:
"Wir gingen in das berühmte 'Gun Hill Road Lay Up'. Es war im Frühsommer 1975. Wir holten die Dosen raus und hatten uns entschieden, in Gelb, Orange und Rottönen zu malen, mit einer schwarzen Outline und einer hellbauen Wolke, die weiß umrandet sein sollte. Sehr einfach, aber da es mein erstes war, wollte ich nicht zu verrückt malen, da wir das 'Lay Up' nicht kannten und nicht wussten, was ist, wenn wir rennen müssten. Es war sehr verrückt zu malen und dabei ständig über die Schulter zu schauen, bei jedem Geräusch zu stoppen, um zu sehen, ob Bullen oder Bahnarbeiter kommen... aber es war magisch. Der starke Geruch der Krylon-Dosen, der Geruch der Züge, die warme Sommernacht mit Musik, die von einem Tanzclub herüber tönte, es war fast poetisch. Ich habe diese Nacht nie vergessen. Es war, wie das erste Mal mit einem Mädchen zusammen zu sein. Man kostet den Moment aus, lernt von seinen Fehlern, und wenn man 'sie' das nächste Mal besucht, macht man es besser. Ich wurde wie besessen von den Zügen, so wie jeder 'writer', den ich kannte. Ich wurde gefangen vom Untergrund, wie die Linien verlaufen, wie die Züge zusammengesetzt werden, welche Codes die Zugführer benutzen, wie die Tunnel gebaut sind u.s.w.. Ich war gefangen und liebte es. Zu dieser Zeit gab es keine Worte es zu beschreiben." (CRASH, N.Y.C.)
Es kracht. Die Abrissbirne durchhaut eine Wand nicht weit von mir. Doch das Amok-Bild verhaarte schutzlos im Licht der Baulampen. Unschuldig schaut es mich an, wie eine alternde Tätowierung, ein vergessenes Götzenbild. Aus ihm spricht die Atmosphäre der amerikanischen Kultfilme, die ein illustriertes Glossar der New Yorker Subkultur nach Europa importierten: Die Hinterhofatmosphäre der Bronx, brennende Mülltonnen, soziale Brachen. Geblendet von den Bauscheinwerfern, brechen anachronistische Splitter in mein Bewusstsein: Block-Partys, Diskofieber, zugebombte Bahnhöfe und verrostete Brücken mit Eisennieten, über welche zwölffarbige 'whole-cars' donnern - als entfremdete Leinwände der Stadt. Das Bild an der Wand, welchem die Baumaschinen gefährlich nahe kommen, thront wie ein Denkmal der alten Schule. Ich betrachte nicht nur ein Meisterwerk der Sachverschönerung, sondern auch die schöpferische Hingabe, die Leidenschaft und den fairen Wettstreit der ersten Generation der 'writer'. Ich folge noch einmal den dicken Linien des Bildes und muss daran denken wie ich das kalligrafische Handwerk erprobte: Wochenlang vertieften wir uns in ein wildes Gewirr von Linien, Pfeilen und Blocks. Ich beobachtete meine Freunde, wie sie kleinen Kindern gleich, die Zunge zwischen den Lippen eingeklemmten und die Arme verrenkten, während sie ehrgeizig an ihren Stilwerken feilten. In diesem Moment zählte für sie nur das Universum der Buchstaben. Um das Alphabet neu zu erfinden, tanzten ihre Stifte über das Papier und skizzierten gymnastische Gesten. Ihr Überschuss an Bewegung und Aktionsdrang floss direkt in ihre Finger. Die Bilder von Amok und seinen Freunden inspirierten uns zu eigenen Experimenten: Auf einem Blatt entstand ein R, das wie ein Pferd eine Hürde nahm, im Wettlauf mit den anderen Lettern, die über das Weiß galoppierten. Daneben ein E, geschwungen wie ein Schaukelstuhl, der zwischen seinen Nachbarn hin und her zu schwingen schien. Und dort am Ende des Schriftzugs ein Z, das eine Krone trägt und stolz die Brust herausstreckt. Der Bewegungsdrang der Zeichner lässt starre Schriftzeichen laufen lernen, er betört ihre Balken, verbiegt und verknotet sie zu Formen, die mit imaginären Farbpaletten ausgemalt Reptilien, Kriegsschiffe oder Kugelblitze gleichen. Die 'styles' sollen schließlich in wunderlichen Farbkombinationen, aus Aubergine, Melonengelb und Smaragdgrün die Schlacht an den Wänden entscheiden.
Hinter mir bremst ein Bus. "Wolln´se nu mit oder nich?", ruft der Busfahrer gegen den Baulärm an. Ich winke ab. Noch einmal wende ich mich dem freigelegten Artefakt zu. Was ist daran so faszinierend? Ist es die individuelle Markierung in der Öffentlichkeit, welche die Abenteuerlust und das Selbstbewusstsein befriedigt? Oder wollte dort jemand den urbanen Raum mit seinen codierten Zeichen territorialisieren - gegen die Präsenz der "erfüllten Zeichen" der Werbung und des Stadtdesigns? Wie sieht wohl Amok den aktuellen 'stylewar', der die Ordnung der Zeichen durcheinanderbringt? Warum wird es unfair im Sprühsport?
Auf dem Parkplatz gegenüber treffen sich einige Jugendliche, sie tragen grellbunte Klamotten und komische Mützen. Zu Amoks Zeiten trafen sich die 'writer' auf Bahnhöfen, hörten Musik und warteten auf bemalte Züge. Als ich einmal zum 'Corner' ging, kam mir die ganze Bande entgegen. Sie waren gereizt, machten überall 'tags' und rannten rastlos durch die Gegend. Ein Bekannter sagte zu mir: "Wir haben unten gerade eine komplette U-Bahn entglast, das wird ein lustiger Abend, kommst du mit? Wir fahren nach Treptow." Ich war neugierig und stieg mit den aufgeputschten Kids in den Bus: Wir sind an die zwanzig Leute, fast jeder zieht sofort einen Marker aus der Tasche und betaggt jede freie Fläche in seiner Umgebung. Ich schaue skeptisch in Richtung Fahrer. Schwarze, rote und blaue Filze quietschen in verrätselten Handschriften über Sitze und Verkleidung. Innerhalb weniger Minuten war der Bus voll von roten, schwarzen und blauen Schriftzügen, die sich immer mehr überlagern. Da ertönt die erste Durchsage des Fahrers: "Bitte verlassen sie den Sicherheitsbereich der Tür!" Inzwischen werden die Scheiben beschmiert. Die ersten leeren Stifte liegen am Boden, ich vernehme aggressive Kratzgeräusche. Der Fahrer mahnt zur Ordnung. Zwei Aufgedrehte treten die hintere Bustür heraus. Einige weiße Lackstifte kringeln sich über verschmierte Scheiben. Während der Fahrer anhält und unter Gejohle nach hinten kommt, wird seine Kasse geklaut. In meinen Erinnerungen schwellen die Beschimpfungen, die dem Fahrer entgegenfliegen, ins Maßlose an. Der Baulärm bricht ab, die Scheinwerfer werden ausgeschaltet. Die noch präsente Busfahrt ist Jahre her, doch sie markiert eine Zäsur. Graffiti als Sublimierung hat seine Grenzen. Der großen Aufstand der Zeichen bringt vermehrt zweifelhafte Mitstreiter hervor. Graffiti allein reicht nicht mehr aus, um die ungelenkte Aktivität und den Tatendrang der Jugend zu kanalisieren. Einen 'tag' in den gesellschaftlichen Raum zu setzen, ist zur modischen Nachahmung verkommen. Heute gehören ein paar Sprüher zu jeder Gang wie zum schlechten Ton. Der Kampf der Farben, Stile und an möglichst riskanten Stellen ist von hinterrücks geschlagenen Flaschen und Fäusten überschattet. Abziehen, Angstmachen, Angreifen tritt an die Stelle des Wesens von Graffiti: die Aktion. Ohne Rücksicht auf das schöpferische und subversive Potential der illegalen Zeichen, erlebt der Drang nach Reibung, Grenzverletzung und darwinistischem Triumph eine Renaissance - nicht jedoch am Körper der Stadt, sondern in der Welt der Sprüher selbst. Und so wird nicht Oberflächen und Architektur etwas hinzugefügt, sondern das eigene Projekt platt gemacht. Das Amok-Bild ist von der Dunkelheit verschluckt. Ich sitze auf einem gefällten Baumstamm und schaue auf das riesige Schild. Ich lese: "Hier entsteht für sie ein Graffiti-Park: Reisen sie ins New York der 70er Jahre. Ein riesiges Yard mit angerosteten 'steeltrains', zwei Beutel voll Krylon-Dosen, puertoricanische Rhythmen. Malen sie einen Wholecar."

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