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destrukt
Und plötzlich standen an die 300 Menschen und ich im Dunklen. Vor mir nen paar Typen mit ihren Schirmmützen, die sich in der unklaren Situation durch selbstdarstellerische Unterhaltung und manchmal auch passenden Zwischenrufen vom Ganzen ablenkten, rechts neben mir ein durchgestyltes Päarchen, daß mit eher gelangweilten Blicken seine Umgebung musterte und links ein Mittdreissiger, der mit hektischen Kopfbewegungen versuchte, vom vorderen Geschehen des DJ´s und dem leuchtenden blauen Spot auf der Leinwand etwas mitzubekommen.
Vor der Leinwand hatten es sich wohl einige Gäste im Abstand von ungefähr zwei Metern im Halbkreis halbwegs gemütlich gemacht. Ein lautes Grummeln lag in der Luft. Keiner wußte so genau, was daß nun alles mit dem Öffentlichen Raum, den Grenzen und natürlich dem Gigahertzzeitalter gemein hatte. Auch der Moderator, er nannte sich immerzu "Wir" und "Wir, die Pseudonyme Gesellschaft", was auch immer er damit meinte, also er und seine Leute im Hintergrund, die Technik und letztendlich das Bild auf der Leinwand wollten nicht so richtig, auch wenn sie eigentlich wollten, daß es jetzt mal losging.
Nach 25 minütiger Verspätung und vielen Entschuldigungen, sah man die ersten Versuche der Bildersuche, oder besser gesagt, ich hörte einige unangenehme Störgeräusche. Wenige Minuten später gabs die ersten Vollbilder, manchmal auch mit Ton.
Und da gings dann wohl los, keine Schimmel im Schneesturm mehr, daß war Live aber SchwarzWeiß. An Bilder von vermummten Terrorristen war ich ja mittlerweile dank der offiziellen Medien ausgiebig gewöhnt worden, diese hier waren zu zweit und hatten entweder Ohrwürmer oder den Knopf im Ohr. Plötzlich fing der Moderator eine Unterhaltung mit beiden an. Ich bekam wegen der Akustik leider nicht alles mit, aber die Vermummten nannten sich wohl Clever und Smart und hielten wohl wenig von Kunst und den Fragen des Moderators. Daher nahm der Mann mit dem Mikrofon vor der Leinwand mit dem Kameramann vorlieb, der offensichtlich auch tonal verkabelt war. Alle flüsterten. Auch bei uns in der Sicherheit der legalen Galerie tuschelte es gewaltig. Jedoch nicht aus Desinteresse, sondern angesichts der prekären Situation, die Ihnen hier auch noch live vor die Füsse geschmissen wurde, denn der Eintritt war frei und die Energiedrinks in den Händen nicht zu übersehen.
Die Jungs waren also im U-Bahnschacht. Ich hatte im flüchtigen Vorbeischlenkern der Kamera einen BVG-Waggon erkennen können. Und der stand nicht im Bahnhof, soviel war sicher.
Die Beiden stiegen dann eine Leiter herunter und gingen schnurstracks auf den Waggon zu, nein, es war ein ganzer Zug, vielleicht sogar mehere. Der Moderator stellte weiterhin blöde Fragen und riß auch ein paar Witze. Aber die gingen in der Realityshow eher unter. Es war als wäre ich dabei, war ich ja auch, sozusagen.
Ohne zu Zögern begannen die beiden Großstadtterroristen den Zug umzulackieren. Farben kann ich hier leider nicht nennen, es war ja SchwarzWeiß, und zu allem Übel hatten sie sich auch noch den dunkelsten Fleck ausgesucht. Der Mikrofon-Mann stellte dem Kameramann Fragen, und der versuchte die Sprüher davon zu überzeugen, daß die Zuschauer so leider nicht viel mitbekommen können. Es kam wohl zu Streitereien, und ich konnte die Dialoge zwischen den Beteiligten eher erahnen als höhren, es war wie im richtigen Leben.
Tschuldigung, ich war zu dem Zeitpunkt auch mit im richtigen...und dann kam aufeinmal ein Getöse vom Herrn auf, na klar, ein normaler U-Bahnzug mitsamt Fahrgästen kreuzte das Geschehen. So laut muß das also im Schacht sein. Die Dunkelheit und die Stille mit diesem leisen Fiepen war für wenige Sekunden vollends dahingeworfen. Die gesamte Galerie schrie und grölte. Ich war wie gebannt. Andere pfiffen was das Zeug hielt - Es waren anscheinend jede Menge Sympathisanten in der Galerie anwesend. Die beiden Aktivboxen, die ich am Ende der Veranstaltung zu sehen bekam unterstützten den LiveFaktor extrem.
Wieder war Stille... und der Kameramann tauschte sich mit den Sprühern aus. Wieder war es nur sehr schlecht zu verstehen und wieder sah man nicht sehr viel. Ich könnte höchstens von schwarzen Bewegungen der Farbe in einem Tintenglas reden. Wie sehen die überhaupt, was sie da malen, und woher wissen diese Sprüher überhaupt mit welchen Farben sie da malen. Es war mir ein Rätsel. Die Kamera schwankte ins Dunkle. Ich glaubte, einen Pfeiler des Schachtes gesehen zu haben. Es bewegte sich ein verwaschener unscharfer Lichtkegel ins Bild. Die Kamera zoomte offensichtlich. Das Bild wurde schärfer aber wackelte extrem, und... Huch, da bewegte sich etwas im Lichtkegel. Menschen, Personen, BVG Beamte oder gar Polizei? Diese Gedanken kamen in mir auf aber das Bild wackelte einfach zu extrem um die Lage sicher bewerten zu können.
Im nächsten moment wurde ich aus diesen Überlegungen gerissen. Der Zoom war so gewaltig zurückgeschossen, wie mit Hundertachtzig auf der Autobahn, wie ein Düsenjäger im Tiefflug im Schwabenland bei Stuttgart, nein wie bei StarWars, wenn der rasende Falke die Lichtmauer überspringt. Egal, wie auch immer.
Einige Minuten später waren sie anscheinend fertig mit ihrem Werk. Ich weiß auch nicht mehr, was es war. Wahrscheinlich war es auch nicht so wichtig, was sie nun da wirklich an den Zug gesprüht hatten. Das Meiste in der Stadt gefällt mir ohnehin nicht, aber genau dieser unschöne Aspekt des Ganzen wurde hier per Internet-Liveschaltung dem Zuschauer vermittelt.
Es blitzte nun einige Male in der Dunkelheit. Ich wurde von einer hübschen Frau neben mir abgelenkt, die Feuer für ihre Zigarette brauchte. Wahrscheinlich war das der einzige Zeitpunkt, zu dem ich das Resultat der Aktion hätte sehen können und dummerweise habe ich nachher niemanden dazu befragt.
Die Kamera war jetzt häufig auf den Boden gerichtet, es ging mittlerweile etwas hektisch zu. Es kam noch zu einem Schlagabtausch zwischen dem Moderator, von dem ich lange nichts mehr gehört hatte (anscheinend war auch er vom gesamten Geschehen ziemlich aufgewühlt ), dann ging es anscheinend Richtung Ausgang. Ich sah nur noch Beine von Typen, es war weiterhin ziemlich hektisch und alle hörten diese Schläge auf Stahl. Es öffnete sich offenbar eine Luke, alles wurde immer Hektischer. Trappeln, Rufe, Schreie und die ganze Zeit die wackelnde Kamera. Es wurde immer chaotischer. Ich sah Lichter , wahrscheinlich von Autos oder irgendwelchen Gebäuden, die Straße, den Asphalt, ein hitziges Brüllen, was ich nicht verstand,und dann dieses Krachen - ein Schuß? Polizei?
Die Kamera war weg und wieder war es wie am Anfang, es war einfach nur blau. Jedoch nicht wie der himmel oder gar das Meer. Es war dieses kalte Videoblau und war so richtig nichtssagend. Ja was denn nun, und? Auch der Moderator hatte nun wirklich nichts mehr zu sagen.
War das jetzt das Ende für diese Sprüher? Leben die noch ? War gar nichts, oder war das jetzt der grosse Witz. Doch nicht Live? Aber der Typ vorne hatte doch mit denen gesprochen und die ganze Zeit mit dem Kameramann. Jedenfalls habe ich mir glaube ich noch tagelang den Kopf darüber zerbrochen.
Wenn die uns da alle verarscht haben, was machen denn die richtigen, die großen Sender wie CNN und das ganze Pack mit einem, der sich abends noch per Livekorrespondenz mit dem Geschehen der Welt für diesen Tag auseinandersetzten will, sollte oder muß?

 

st. barre

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