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27. Februar 2002
Konstrukt/ Destrukt
Aktionen der Pseudonymen Gesellschaft Februar 2002
Oh, guck mal! Das sieht aber toll aus, sagt Gabi zu ihrem
Lebensabschnittspartner Guido beim Betrachten einer Leinwand, auf der
dreidimensionale Buchstaben dargestellt werden. Sie befinden sich in
einer Räumlichkeit, in der eine signifikante suburbane Kultur der
Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll Writing.
Voller Lebensglück und ohne voreingenommen zu sein, lassen sich
die beiden in den Sog des profan Kitschigen ziehen und gehen freudig
erregt, dank der neuen Eindrücke, nach Hause. Der Organisator/
Galerist und der oder die Künstler hätten es natürlich
lieber gesehen, wenn dieses Pärchen noch eine Leinwand für
ihr neu erworbenes Heim gekauft hätten, aber was nicht ist, kann
ja noch werden. Ausstellungen heute, oder?
Konzepte für Ausstellungen sind immer wieder neu oder
in einem anderen Kontext wiederholbar. Mal wird die eine Idee als Grundlage
zur Präsentation von Bildern genutzt, mal die andere. Ständig
werden die Leinwände eines Künstlers in einer Galerie aufgehängt,
manchmal werden Fotos gezeigt und ab und an Skulpturen aufgestellt.
Manchmal darf der Künstler sogar über die Leinwand hinweg
den Untergrund (die Wand, den Boden oder die Decke der Galerie) mitbenutzen,
um sein Werk zu verstärken oder generell besser in Szene zu setzen
oder gar der gesamten Idee seines Kunstwerkes die passende Form zu geben.
Manches wird mit vergänglichen Materialien produziert und anderes
für die Ewigkeit in Stein gemeißelt. Eigentlich sind bei
Kunstausstellungen alle Regeln außer Kraft gesetzt; solange sie
konsumorientierten Regeln gehorchen.
Dies ist der Grund, warum man Graffiti wohl nicht ausstellen kann. Und
dies ist der Grund, warum Graffiti nicht auf Leinwänden existiert.
Mit Buchstaben bemalte Leinwände sind kein Writing. Aber wie bringt
man dem Betrachter diese Subkultur im Kontext einer Galerie nahe?
Eine Berliner Gruppe hat sich zusammengesetzt und ein Aktionskonzept
entwickelt, das weit entfernt von dem ist, was man landläufig als
Sprühkunstausstellung kennt. Die Pseudonyme Gesellschaft
hat nicht nur erkannt, dass Bilder-in-eine-Galerie-hängen recht
langweilig ist, sondern sie haben die Betrachter mit auf eine Reise
ins Unbekannte und Ungewisse genommen. An drei Tagen wurden die Interessierten
in der Kulturbrauerei Galerie im Pferdestall auf eine Achterbahnfahrt
des alltäglichen Graffitiwahns mitgenommen. Tag eins bot dem Zuschauer
eine Graffiti-Live-Action an einer Berliner U-Bahn mit Überraschungseffekt
am Ende. Eine Multi-Media-Live-Performance, die die Anwesenden mit offen
stehenden Mündern zurückließ. Es wurden alle Register
des Machbaren gezogen, damit die Illusion perfekt wurde. Tag zwei beinhaltete
eine für die Teilnehmer gesundheitsschädigende und im Ergebnis
wenig beeindruckende Malaktion. Cirka 20 Writer wurden mit ihren Materialien
anderthalb Stunden in einen Raum eingeschlossen. Jeder durfte,
so viel er konnte. Am Ende konnte man sich einen vermanschten Haufen
von Farbe, Aufklebern und Postern anschauen. Wehe, wenn sie losgelassen!
schießt es einem da schnell durch den Kopf. Tag drei, der mit
einer Zusammenfassung des Erlebten schloss, lud noch einmal zum Reflektieren
ein. Alle Tage wurden mit Musik abgerundet. Gelungen oder nicht? Die
Antwort blieb im Auge des Betrachters vage.
Kommen wir noch einmal auf die Frage des Näherbringens zurück.
Meistens werden im Hip Hop-Kontext Writer verpflichtet, irgendetwas
zu bemalen. Sei es nun die Außenwand des Jugendzentrums, in dem
ein Jam stattfindet oder eine etwas größere Holzplatte, die
dann vielleicht auf der Bühne eines Jams im Hintergrund aufgehängt
wird. Hier sind die Sprüher nur schmückendes Beiwerk. Dann
gibt es gelegentlich einzelne Ausstellungen mit zu Grunde liegenden
Konzepten. Dies sind meistens Gruppenausstellungen, seltener Einzelausstellungen,
die sich mit dem Hauch des Illegalen schmücken und ausschließlich
dem Verkauf dienen. Und dann kommen vereinzelt Aktionen, wie die oben
beschriebene hinzu. Diese dienen eher der Unterhaltung/ Belustigung
Außenstehender, als der Erklärung. Natürlich haben all
diese Formen auch ihre positiven Aspekte (z.B. positives Feedback von
Seiten der Gesellschaft, was ja nicht immer selbstverständlich
ist.), leider sind sie im Endeffekt nur manchmal zum Vorteil der sprühenden
Bevölkerung. Denn eigentlich sollten sich die Organisatoren, auch
wenn es selber ab und an Sprüher sind, überlegen, ob die illegalen
Sprüher diese Entwicklung überhaupt wollen. Oder soll dies
eine Möglichkeit darstellen, aus dem kriminellen Umfeld herauszutreten
und seine Ideale über Bord zu werfen? Wem hilft es zu sehen, wie
Sprüher eine U-Bahn bemalen? Doch wohl eher nur der Polizei. (In
diesem Zusammenhang sollte man auch die Entwicklung auf dem Graffitivideo-Markt
kritisch beleuchten, was allerdings den Rahmen dieses Artikels sprengen
würde.) Writing ist ein stetiger Wettbewerb mit sich und seinen
Mitstreitern, und daher kann man davon ausgehen, dass man im Kontext
einer Galerie, nicht mehr so frei und unbelastet ist, wie vorher auf
der Straße. Auch auf der Straße gibt es Regeln, diese unterliegen
aber dem freien Willen der Sprüher, während sich die Regeln
in einer Galerie grundsätzlich immer dem kapitalistischen Konsumwillen
unterordnen müssen. Schaut man sich letzteren Aspekt an, bildete
die Pseudonyme Gesellschaft noch eine positive Ausnahme. Die eventuellen
Einnahmen, wie sie sie selber in ihrer Pressemitteilung bezeichnen,
seien zur Deckung angefallener Außenstände und der Finanzierung
zukünftiger Projekte eingeplant. Was dies angeht, ist es sehr erfreulich,
dass hier nicht dem schnöden Mammon gefrönt und somit der
Writer-Attitüde im weitesten Sinne entsprochen wurde.
Im großen Ganzen müsste man immer wieder auf die Einstellung
der Einzelnen zur Sache an sich eingehen, um andere nicht zu verletzen.
Das ist leider unmöglich. Die Berliner Gesellschaft hat einen positiven
Schritt in eine zum Teil richtige Richtung getan. Warum zum Teil
richtige Richtung? werden viele jetzt fragen. Ganz einfach deswegen,
weil sich auch hier die betroffenen Writer, sie sind ja schließlich
die Hauptakteure des Ganzen, nicht einig waren, ob diese Veranstaltung
nun ihren hehren Zielen diente oder nicht. Aber Writer sind,
wie viele andere gestalterisch Tätige, ein sehr seltsames Völkchen
und deshalb sollte man nicht immer - aber immer öfter - auf ihre
Meinung hören.
Mark Todt
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