Expose
Wir schreiben das Jahr 2002. Writing, diese spezielle Form des Graffiti,
mit Ursprüngen in den Siebzigern in New York, hat sich in den letzten
drei Jahrzehnten virusartig um den Globus verbreitet.
Diese junge Ausdrucksform wurde verteufelt und trotzdem verkauft. Immer
auf dem schmalen Grad zwischen Knast und Kommerz. Der hippe junge Graffitistyle,
losgelöst von seinen eigentlichen Inhalten, gleicht immer mehr
einem Tiger im Zoo.
Wir als wildentschlossene Graffiti -Aktivisten und -Sympathisanten,
fangen keine Raubkatzen und sperren sie in Käfige, wir zeigen vielmehr,
frei nach Heinz Sielmann, die Raubkatze in freier Wildbahn, in ihrem
natürlichen Lebensraum. Das Ganze ist nicht als akribisch historischer
Aufriß gedacht, sondern als mit Kunst- und Sach- verstand inszenierte
pseudomuseale Präsentation einer in mancher Hinsicht flüchtigen
Straßenkultur. Klischees werden gekippt, Authentizität ins
Spiel gebracht, die das Foto als Medium vermittelt.
Wir planen eine Fotoausstellung zu Alltagswahrnehmungen in zusammenhängender
Darstellung von Architektur und Straßenkunst im Februar 2002 in
Berlin, von etwa 100 Fotos, ergänzt mit Video und anderen multimedialen
Elementen. Teil des Konzepts ist es, die Ausstellung im Anschluß
durch andere Städte reisen zu lassen. Ein Katalog dokumentiert
und multipliziert die Ausstellung Schwarz auf Weiß und Polychrom.
"Ich, frequentierter als Picasso"
Motivation
In langjähriger Erfahrung beim Umsetzen von Graffitiaktionen im Rahmen von Veranstaltungen ist uns aufgegangen, daß Graffiti als junge Kultur fast immer unterbewertet wird. Graffiti erwischen meist nur eine Nische neben den geilen Rappern. Abgespeist mit dem kleinstmöglichsten Budget hat Graffiti einen nicht greifbaren Wert, der in seinem eigentlichen Sinn kommerziell nur schwer nutzbar ist. Graffiti, speziell Writing, ist ein eigenständiges Medium jenseits des regulären Kunstbetriebs - aktiv, global, autodidaktisch. Writing als Kommunikationsmittel mit eigener Ästhetik. Wir zeigen diese Bewegung: dynamisch, jung geblieben und doch ein Stück erwachsen geworden.
Diesen Ansatz nehmen wir auf und fangen an, unter eigener Regie nach eigenen Vorstellungen zu arbeiten. Hier kommen nicht wie üblich die Politik, der Polizist und die Oma zu Wort, sondern witzige, originelle und selbstkritische Positionen intelligenter Persönlichkeiten. Briefe, Literatur, Interviews und private Kunstsammlungen finden genau wie Aktionskunst ihren eigenen festen Platz.
Im Mittelpunkt steht der Umgang der Graffitisprüher mit ihrer Umgebung. Illegale Eigenwerbung mittels Stift und Dose, Auffallen durch Qualität und Quantität. Portraitiert wird eine ganz spezielle Großstadtdschungelansicht, über den Tellerrand hinaus, in einer Raumzeitachse
zwischen Past, Present und Future, und zwischen Warschau, Berlin und Sao Paulo.
Umsetzung
Die Ausstellung wird umgesetzt vom eingetragenen Verein "Pseudonyme
Gesellschaft" , den wir für diesen Zweck gegründet haben.
Den Großteil der Ausstellung stellen die exklusiven Privatarchive
der aktiven Graffitisprüher. Diese werden gesichtet, und einzelne,
auf diesen Bezug gelungene Exemplare von unseren Kuratoren mit fachmännischem
Auge handausgelesen.
Zusätzlich werden bekannte Fotografen von uns motiviert, Bilder
zum Thema zu liefern.
Ungefähr 100 Fotos werden digitalisiert, großformatig ausgedruckt
und auf Kunststoffverbundplatten kaschiert, gehangen und bewundert.
Anonyme Interviews, Orginaltonstatements Berliner Graffitosaurier, Zeitungs-artikel,
Collagen, Lebensläufe, Todesfälle, Anklageschriften auf Sachbeschädigung,
Auszüge aus den Akten, Online-Datenbank, Stadtführung, Videoprojektionen
und Puppentheater sind im Rahmenprogramm geplant.
Die gesammelten Inhalte werden im Katalog aufgearbeitet, und um Essays
und Beiträge erweitert. Dieser soll parallel erscheinen und von
einem externen Herausgeber verlegt werden.
Obligatorisch ist der Internetauftritt, der über die Veranstaltung
informiert.
Zur Option steht, die Ausstellung anschließend durch verschiedene
Großstädte wandern zu lassen.
Als Ausstellungsraum wird ein kalter glatter großer Raum von mindestens
200qm favorisiert. Mehrere Örtlichkeiten in Berlins Mitte sind
im Gespräch.
fotos zur ansicht
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